Ideale und Realitäten

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Ich stöbere gerne und viel in Onlineausgaben von Zeitungen. Manchmal kommt es dabei vor, dass sich mir innerhalb kurzer Zeit mehrere Artikel und Bilder gewissermaßen aufdrängen, denn sie treffen ein Problem, das ich selbst aktuell habe.

Diesmal geht es um eine absolute Äußerlichkeit – mein Speckbäuchlein. Es stört mich einfach. Am Rest meines Körpers verteilen sich sich Knochen, Muskeln und Fett ziemlich gleichmäßig. Um mich mal zu outen wiege ich bei 1,63 m ca. 56 Kilo. Das ist nicht zu wenig und nicht zu viel. Passt. Tja, wenn sich nicht da in der Mitte meines Körpers so eine Plauze gebildet hätte.

Nach der letzten Schwangerschaft war sie auf einmal da. Durch Langzeitstillen, viel, viel Sport und sehr kontrollierte Ernährung schaffte ich es vor zwei Jahren das Bächlein kurzzeitig verschwinden zu lassen. Dann jedoch zogen wir um, was mein täglichen Routinen zerstörte. Außerdem stillte ich nach über zwei Jahren die Jüngste ab und rutsche in eine leichte Schilddrüsenunterfunktion. Ja, und nun ist er wieder da, der Speckbauch.

Ich denke, es gäbe genau zwei Möglichkeiten, den Wanst wegzubekommen: Mehr Bewegung/Sport oder weniger/anders Essen. Am Besten wäre wohl die Kombination aus beidem.

So und jetzt das eigentliche Problem: Beides will ich irgendwie nicht. Der Aufwand ist mir zu hoch!

Ich laufe 2-4 Mal die Woche zwischen 5 und 13 Kilometern. Das sind auf jeden Fall mehr als zwei Stunden Sport die Woche. Und ich kann jetzt nicht behaupten,dass das Laufen an sich mir so viel Spaß machen würde. Ich bin immer froh, wenn ich es geschafft habe und unter die Dusche darf.

Und ich esse einfach gern. Es ist für mich Genuss und damit Entspannung. Mein Alltag mit den drei Kindern, dem Haushalt und der Schule ist anstrengend und stressig und da will ich mir einfach auch was gönnen. Und das soll dann auch das Glas Wein sein, der Schokoriegel oder das dicke Stück Bergkäse vor dem Fernseher. Gemüse und auch Obst und Vollkornprodukte gehören fest zu meinem Speiseplan. Er ist ausgewogen. Basta!

Warum ist mir dann der Speck nicht einfach egal?

Mein Mann liebt mich auch so, meine Kinder finden die Wampe kuschelig und gesundheitlich bedenklich ist das Polster auch nicht.

Ich denke, ich unterliege, wie so viele, dem Einfluss eines medial propagierten Schönheitsideals. Schon mal eine Schaufensterpuppe mit Bäuchlein gesehen? Und ich meine hier nicht die niedlichen Fakeschwangerschaftkügelchen, über die man manchmal stolpert (ich wurde im sechsten Monat schon immer gefragt, wann denn der Termin nun gewesen sei). Also Bauch bei Schaufensterpuppe? Fehlanzeige!

Und bei Unterwäschewerbung – schon mal da irgendeinen Bauch gesehen?

Mittlerweile gibt es ja Firmen die mit Seniorinnen als Models arbeiten. So ist das Model des Titelbildes eines Artikels der Süddeutschen Zeitung, Jacky O'Shaughnessy, zwar 62 Jahre alt, hat aber keinen Bauch!

Ja und dann gehe man mal an einem ganz normalen Samstag Nachmittag ins Schwimmbad. Und auf einmal sind sie dann doch da die Bäuche. Und anstatt sie damit einfach als Realität hinzunehmen, und den eigenen in der Folge auch, versucht man doch wieder einen Weg zu finden sich vom Bäuchlein zu befreien. Denn man eifert einem (vermeindlichen) Ideal nach.

Das ist doch eigentlich idiotisch!

Künstler aus allen Zeiten haben statt eines Ideals einfach die Realität abgebildet – und sind damit berühmt geworden.

Klar gibt es die Models ohne Bauch. Aber dass die keine Mehrheit sondern eine absolute Minderheit sind, kann man doch allein an der Tatsache ablesen, dass die deutsche Durchschnittsfrau 1,68 m ist (ha, ich bin nicht mal Durchschnitt!) und die Bedingung für eine Bewerbung bei Germanys Next Topmodel zum Beispiel eine Mindestgröße von 1,76 m ist! Mit den restlichen Körpermaßen sieht es nicht anders aus.

Heute bin ich dann über eine Website gestolpert, wo man sich mal die Arbeit gemacht hat und berühmte Kunstwerke zu „Photoshoppen„. Die Abgebildeten Frauen wurden den aktuellen Modelmaßen angepasst. ich sag euch was – ich danke jedem einzelnen dieser Künstler, dass er sich die Welt und damit die Frauen wirklich angeschaut hat. Das ist die Realität! Und so war sie schon immer.

Eines meiner absoluten Lieblingsbilder ist „Die sieben Lebensalter des Weibes“ von Hans Baldung aus dem Jahr 1544.

Es tut mir immer gut, dieses Bild zu betrachten. Es macht mir klar, wie normal ich doch bin. Ich bin kein Kunstprodukt, dass unter großem Aufwand geschaffen und erhalten wird (was isst diese O'Shaughnessy eigentlich?). Und genau das ist der Punkt. Jeder wäre zwar gerne irgendwie besonders, indem er bzw. sie zum Beispiel schöner ist als die anderen, doch das hat auch seinen Preis. Manch einer kann, manch einer will den einfach nicht bezahlen und ist statt dessen lieber einfach normal. Man kann sich Brüste vergößern, Fett absaugen, Falten wegspritzen, Haare Färben lassen. Und man kann sich selbst kasteien, hungern und sporteln. Aber was ist das für ein Leben? Und was ist das für ein Körper? Ein Ideal? Ist das dann überhaupt noch real?

Ich bleibe dann doch lieber ganz normal und versuche das Leben wo es geht zu genießen, denn um es mit Konstantin Wecker zu sagen „wer nicht genießt, wird ungenießbar“.

 

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