Archiv der Kategorie: Radio Julia

Radio Julia

Radio Julia – The End Of The Game

Standard

Es ist zwar nicht so, dass ich in meiner Jugend keine Popmusik gehört hätte, aber ernsthaft damit beschäftigt habe ich mich nicht. Als ich mit 12 oder 13 (oder war es vielleicht sogar noch später?) einen CD-Player bekam, wünscht ich mir hauptsächlich Klassik: Cellokonzerte, Cello-Sonaten, Cello-Solo-CDs – ich glaube es wird klar, wo meine Prioritäten lagen. Die einzige Pop-Musik die ich mir mal gekauft habe, war eine Kuschelrock-CD und das war fast mehr aus Gruppenzwang heraus, denn aus echtem Interesse. CDs waren ja soooo teuer damals.

So ist es nicht verwunderlich, dass mein Mann, der in seiner Schulzeit in einer Band gespielt hat, zu Beginn unserer Beziehung einen großen Wissensvorsprung in Sachen populärer Musik hatte (ok, vermutlich jetzt immer noch). Aber ich habe mich schnell von seiner Begeisterung für verschiedene populäre Musiker anstecken lassen. Und besonders die Liebe zu den Liedern einer Musikers verbindet uns tief: Sting!

Gerade als unsere drittes Kind so alt war, dass wir es mal wieder wagten, einen Abend zu zweit zu verbringen, kam Sting mit „Symphonicities“ nach Stuttgart. Man bedenke noch einmal ich bin völlig klassisch sozialisiert. Was soll ich sagen? Es war das wunderbarste Konzert, was ich bis dahin erlebt hatte. Ich hatte von Anfang bis Ende eine Gänsehaut. Stings Musik mit einem großen Sinfonieorchester – die Arrangements aus meiner Sicht fantastisch! Selbstverständlich luden wir uns die Musik sobald es sie zu kaufen gab.

Heute möchte ich kurz näher auf den Song „The End Of The Game“ eingehen.

Es geht im Text um ein Paar Füchse, ein Männchen und ein Weibchen, die ihr Leben lang gejagt werden und nun am Ende ihres Lebens angekommen sind. Für eine weitere inhaltliche Interpretation möchte ich auf einen Artikel hier verweisen (ist auf Englisch).

Musikalisch reizt mich neben dem perfekten Gespür des Arrangeurs für Klangfarben die Rhythmik.

Ohne Notenmaterial stellt es sich als ganz schön schwierig heraus allein nur die Taktart zu bestimmen. Ein Blick auf den Dirigenten im Video hilft nicht wirklich weiter. Der schlägt zunächst einen schnellen Dreier und dann sieht es ganztaktig aus, dann wieder hemiolisch. Vollendet hat meine Verwirrung dann ein Googleversuch, der mir einen Auszug aus dem Sheet bot. Notiert ist das Stück im Dreihalbe-Takt. Allerdings finden permanent Akzentverschiebungen statt. Eine ganz genaue Analyse erscheint mir letztlich viel zu aufwändig und nicht zielführend.

Folgendes möchte ich aber festhalten: Durch einen zugrundliegenden Puls, der beibehalten (zunächst Streicher, später vor allem Gitarren) und mal mehr mal weniger verstärkt wird, entsteht vor dem inneren Auge quasi sofort das Bild der getriebenen Füchse. Im weiteren Verlauf finde ich vor allem das Schlagzeug spannend. Während die Melodie jeweils in zwei zusammengehörigen Dreiereinheiten geordent ist markiert die Snare den ersten und dritten Schlag eines doppelt so langen Dreiers (Klugscheißermodus: hemiolischer Einsatz des Schlagzeugs). Ich sehe dabei Jagende und Gejagte, die voranstürmen um atemlos kurz einzuhalten, sich zu orientieren, zu wittern und „das Spiel weiter spielen“. Eine melodische Begleitebene beschwört die Weite der grünen englischen Heimat Stings herauf. Ein von tiefen Blechbläsern geprägtes Zwischenspiel passt perfekt zu einer herrschaftlichen Jagdgesellschaft.

Die Gesangsmelodie ist geprägt durch ein fallendes Motiv, das zunächst immer nur wenig abgewandelt wird und durch beide Aspekte (fallend und sich wiederholend) umgehend eine gewisse Melancholie erzeugt. Sting bestreitet den Gesangspart nicht alleine, sondern zusammen mit Jo Lawry als Backgroundsängerin. Die Klangfarben beider Stimmen in Kombination sind grundsätzlich sehr reizvoll, aber hier passen sie wirklich perfekt. Manchmal leicht rauh, stets kraftvoll und metallisch aber irgendwie doch zärtlich. Man sieht die Füchse als anmutige, aber doch wilde Tiere vor sich. Die Anklänge an englische Folklore sind in den Violinen aber auch Koloraturen in den Gesangsparts nicht zu überhören. Unübertroffen ist noch das Hundgeheul am Ende, dass das Bild vom Ende der Jagd perfekt macht.

Wie gesagt, das ist keine wirklich detaillierte Analyse, aber schreibt mir doch, was euch beim Hören noch so auffällt! Ich liebe den Song jedenfalls!

Radio Julia – Jenny Wren

Standard

Eine neue Kategorie: Unter „Radio Julia“ stelle ich künftig Songs vor, die zu meinen absoluten Lieblingsstücken der populären Musik zählen.

Ich muss zugeben, dass mich vor allem Klangfarben, Melodien, Rhythmen und Zusammenklänge ansprechen. Es kann schon mal passieren, dass ich erst nach Jahren merke, worum es im Text eines Songs eigentlich genau geht. Dem liegt absolut keine Geringschätzung für Lyrik zugrunde. Es ist viel mehr so, dass ich es selten schaffe, mich darauf zu konzentrieren, weil ich einfach mit der Musik beschäftigt bin. Und so werde ich auch eher auf die musikalischen Aspekte eingehen.

Heute macht ein Song von Paul McCartney den Anfang. „Jenny Wren“ stammt aus dem Album „Chaos an Creation in the Backyard“ von 2005. Das Lied war die zweite Singleauskopplung.

McCartney verleiht dem Song einen ganz besonderen Sound, indem er zum einen seine Gitarre einen Ganzton tiefer stimmt, zum anderen setzt er ein besonderes Soloinstrument ein: Eine armenische Duduk. Es handelt sich um ein Holzblasinstrument. Es ist etwa so groß wie eine Flöte, besitzt jedoch ein sehr großes Doppelrohrblatt. Es erinnert im Klang eher an das tiefe Register einer Klarinette als an eine Oboe. Klanglich reizvoll finde ich auch, dass er den Gesangspart in den Strophen mit der Gitarre verdoppelt.

Ich kann nicht verhehlen, dass mich der Klang akustischer Instrumente in populärer Musik besonders anspricht, weil ich absolut klassisch geprägt bin und mit dem guten Reinhard Mey überstimme, wenn der singt:

Da lob‘ ich mir ein Stück Musik von Hand gemacht

Noch von einem richt‘gen Menschen mit dem Kopf erdacht,

‘ne Gitarre, die nur so wie ‘ne Gitarre klingt,

Und ‘ne Stimme, die sich anhört, als ob da jemand singt.

Halt ein Stück Musik aus Fleisch und Blut,

Meinetwegen auch mal mit ‘nem kleinen Fehler, das tut gut,

Das geht los und funktioniert immer und überall,

Auch am Ende der Welt, bei Nacht und Stromausfall!

„Like so many girls, Jenny Wren could sing – But a broken heart took her song away“ lauten die ersten Zeilen bei McCartney. Mir gefällt an der harmonischen Umsetzung, dass McCartney innerhalb dieser kurzen Strecke mehrfach mit den Tongeschlechtern spielt. So bekommt neben der Grundtonart B-Dur, der parallele Mollakkord g-Moll besonderes Gewicht und die Phrase endet statt auf B-Dur, auf b-Moll. Das kurze Zwischenspiel bis zur nächsten Textzeile bleibt noch auf b-Moll. Doch die neue Phrase startet wieder mit B-Dur. Dieses unmittelbare Nebeneinanderstellen von gleichnamigem Dur und Moll ist für einen Popsong schon ziemlich ungewöhnlich und raffiniert.

Die Melodie ist dabei völlig unspektakulär: Eine Abwärtsbewegung beginnend auf der Terz von B-Dur im Umfang einer Quinte in Sekundschritten gefolgt von einer Aufwärtsbewegung, die auf der Moll-Terz endet. Diese Einfachheit lässt aber eben gerade den Raum, dass Klangfarben und Harmonien wirken können.

Die Rhythmik ist ebenfalls nicht sehr komplex, die Synkopierungen unterstreichen jedoch den insgesamt eher exotischen Sound.

Ich belasse es mal bei diesen wenigen Bestrachtungen, denn ich habe nicht die Absicht, meine Lieblingsmusik in jegliche Details zu zerpflücken, sondern will mir nur durchs Schreiben selbst klar werden, warum ich den jeweiligen Song eigentlich so sehr mag.

Also wer Lust bekommen hat, den Song anhören und dann beim nächsten Mal wieder Lesen, wenn es heißt „Radio Julia“.